Sehen: Autofahren
Wer gut sieht, fährt sicherer
Bild: KGS |
Schlechtes Sehen ist eine häufige Ursache von Verkehrsunfällen. Was Experten schon lange wissen, wird von vielen Verkehrsteilnehmer/-innen immer noch unterschätzt. Gerade im Herbst, wenn die Sicht vermehrt durch Dunkelheit, Dämmerung und Blendlicht beeinträchtigt wird, ist ein gutes Sehvermögen besonders wichtig. |
Verschiedene Studien der letzten Jahre belegen, dass dem Sehen und der Wahrnehmung
im Strassenverkehr eine entscheidende Rolle zukommt. Man geht davon aus, dass
der Autofahrer rund 90% der wichtigen Informationen im Verkehrsablauf über das
Auge bezieht. Gutes Sehen ist eine wichtige Voraussetzung, um Distanzen
abschätzen zu können und Verkehrssituationen richtig zu beurteilen.
Was heisst gutes Sehen?
Die gesetzliche Minimalanforderung für das Lenken eines Fahrzeugs (ohne Sehhilfe) liegt bei einer Sehschärfe von Visus 0,6 auf dem einen und Visus 0,1 auf dem anderen Auge. Eine Sehschärfe von Visus 1,0 ist dabei kein Maximal-, sondern ein Durchschnittswert für normales Sehen. Jüngere Menschen haben zuweilen Werte von bis zu Visus 2,0.
Schlechte Sicht auf Schweizer Strassen
Der Gesetzgeber verzichtet nach der Erteilung des Lernfahrausweises bis zum 70sten Altersjahr auf weitere Sehtests. Man verlässt sich auf die Eigenverantwortung der Verkehrsteilnehmer/innen. Manche Leute scheinen bei soviel Freiheit offenbar überfordert. Die Sehtests, die von den Schweizer Augenoptikern (SOV) in den letzten Jahren durchgeführt wurden, sprechen eine klare Sprache. Im Durchschnitt (1993-96) konnten 15% der Verkehrsteilnehmer/innen die gesetzlichen Minimalanforderungen nicht erfüllen. Bei Personen über 60 Jahren hatten sogar 20% eine ungenügende Sehleistung.
Weiter sehen als Bremsweg
Von Fahrzeuglenkern/innen wird heute mehr denn je ein vorausschauendes Verkehrsverhalten gefordert. Die Hinweisschilder, Signale und Verkehrsleiteinrichtungen sind in den letzten Jahren immer zahl- und inhaltsreicher geworden. Die Entfernung, aus der eine Verkehrsinformation oder Gefahrensituation klar und deutlich wahrgenommen wird, muss so gross sein, dass eine entsprechende Reaktion rechtzeitig eingeleitet werden kann. Der Erkennungsabstand muss also grösser sein als der Bremsweg – sonst sind Kollisionen oder riskante Ausweichmanöver vorprogrammiert. Ein Beispiel: Ein Fahrzeug fährt mit 100 km/h auf einen gestürzten Motorradfahrer zu. Mit einer Sehschärfe von Visus 0,6 erkennt der Automobilist die Gefahr auf 130 bis 150 Meter Entfernung. Da der Bremsweg bei dieser Geschwindigkeit (und bei trockener Fahrbahn) rund 120 Meter beträgt, kann das Fahrzeug gerade noch rechtzeitig zum Anhalten gebracht werden. Beträgt die Sehschärfe des Fahrers weniger als Visus 0,6, kann es zu einer gefährlichen Situation kommen. Das Beispiel macht deutlich, wie wichtig eine intakte Sehschärfe im Strassenverkehr ist. Nur wenige Menschen können jedoch ihre eigene Sehleistung richtig einschätzen. Denn das Nachlassen der Sehkraft geht schleichend und für die Betroffenen kaum bemerkbar vonstatten. Deshalb sollten die Verkehrsteilnehmer/innen ihr Sehvermögen freiwillig alle zwei bis drei Jahre beim Augenoptiker überprüfen lassen, insbesondere ab dem 40sten Altersjahr.
Vorsicht bei Nacht und Dämmerung
Bei Dunkelheit ist für die Fahrzeuglenker/innen besondere Vorsicht geboten. Bei Nacht beträgt die Sehleistung des Menschen nur noch einen Zwanzigstel des Tageswertes. Hindernisse oder Fussgänger auf dem Zebrastreifen werden wesentlich später wahrgenommen als tagsüber. Kommen dann noch schlechte Sichtverhältnisse durch Regen, Nebel oder Blendung hinzu, wird es kritisch. Für eine ungenügende Sehleistung bleibt da kein Spielraum mehr. Bei Nachtfahrten mit dem Auto oder Motorrad kommt es auf eine gute Kontrastsehschärfe an. Wer sicher fahren will, sollte auch schwache Helligkeitsunterschiede – etwa einen dunkel gekleideten Fussgänger auf regennasser Fahrbahn - gut erkennen können. Man nennt diese Fähigkeit "Dämmerungssehen". Eine Einschränkung des Dämmerungssehens kommt nicht selten vor, oft auch bei Leuten, die tagsüber normal sehen und ohne Korrektion auskommen. Menschen, die davon betroffen sind, fühlen sich bei Nachtfahrten oft unwohl oder gar unsicher. Bei solchen Anzeichen sollte man immer den Augenoptiker aufsuchen. Für Brillenträger sind bei Dunkelheit entspiegelte Gläser zu empfehlen. Sie verhindern die Bildung von störenden Lichtreflexen und haben eine höhere Lichtdurchlässigkeit. In keinem Fall sollte man nachts mit getönten Gläsern unterwegs sein. Je nach Tönung wird nochmals ein erheblicher Teil des vorhandenen Lichts absorbiert – man sieht noch weniger.
Fahren im "schwarzen Loch"
Bei Nacht oder in der Dämmerung wird man als Lenker/in oft durch die Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge geblendet. Es dauert danach einige Sekunden, bis sich das Auge wieder an die herrschenden Lichtverhältnisse gewöhnt hat. In dieser Zeitspanne sieht man sehr wenig, manchmal gar nichts. Viele Autofahrer haben deshalb das Gefühl, in ein "schwarzes Loch" hineinzufahren. Der Blendwirkung im Verkehr kann man nur schwer entgehen. Viele Fahrer/innen verhalten sich wie das Kaninchen vor der Schlange, ihr Blick ist auf die Scheinwerfer fixiert, gebannt schauen sie reflexartig in den Lichtkegel. Man sollte daher bewusst versuchen, seinen Blick am rechten Strassenrand zu halten und nicht direkt in die Scheinwerfer hineinzublicken.
Regelmässige Sehtests für die Sicherheit
Menschen mit reduzierter Sehleistung nehmen Verkehrsabläufe, Signalisationen und Gefahrenmomente oft ungenügend oder zu spät für eine adäquate Reaktion wahr. Ihre Manöver sind deshalb oft abrupt und unmotiviert. Damit stellen diese Verkehrsteilnehmer/innen ein ständiges Sicherheitsrisiko dar; sie gefährden sich selbst und andere. Das muss nicht sein. Im Gegensatz zu äusseren Einflüssen, lassen sich die meisten Fehlsichtigkeiten und Sehstörungen korrigieren. Der regelmässige Besuch beim Augenoptiker verhindert, dass sich unbemerkt Einschränkungen des Sehvermögens einschleichen. Wer gut sieht, fährt sicherer!
Tipps für gutes Sehen im Strassenverkehr