Vom Beryll zur Brille

Die Geschichte der Lese- und Sehhilfen
 

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Zusammenfassung 
 
 

Bild: Stiftung Hallauer
Seit gut 700 Jahren kann der Mensch sein Augenlicht mit einer Sehhilfe verbessern. Schon früher wurden Berylle, geschliffene Halbedel- steine als Leselupe eingesetzt, doch erst seit venezianische Erfinder Ende des 13ten Jahr- hunderts die Nietbrille auf den Markt brachten, fanden Sehhhilfen immer grössere Verbreitung. Die Brille in der heutigen Form ist um das Jahr 1850 in England entstanden.

 
 

Gewandelte Sehanforderungen 

Jeder Mensch – sofern er lesen und in die Nähe gut sehen will – braucht in seiner zweiten Lebenshälfte eine Brille. Warum sind wir von der Natur her so "gebaut", dass unsere Augen nach dem 40sten Altersjahr ihre Fähigkeit verlieren, sich auf unterschiedliche Sehdistanzen einzustellen?

Der moderne Mensch (Homo Sapiens Sapiens) bevölkert seit über 600‘000 Jahren die Erde. Betrachtet man diese Zeitspanne als einen Tag, so hat sich unsere Entwicklung in den letzten 5 Minuten (sprich 2000 Jahren) kulturell und technisch explosionsartig beschleunigt. Bei diesem Tempo hat sich unser Körper den veränderten Lebensbedingungen sowie der markant gestiegenen Lebenserwartung kaum anpassen können.
 
 

Brille als Kulturgut 

Schon früher wurden einzelne Menschen wesentlich älter als der Durchschnitt. Klagen über das Nachlassen der Sehkraft sind vor allem von Schriftgelehrten überliefert. Ihnen konnte mit Lesesteinen, einer Art Lupe aus geschliffenem Halbedelstein, auch als erste geholfen werden. Erste Brillen tauchen in Europa um das Jahr 1300 auf und fanden – gemäss zahlreichen künstlerischen Darstellungen – wiederum vor allem bei Gelehrten, Philosophen und Ärzten Verbreitung. Die Nietbrille wurde zum Inbegriff der Gelehrsamkeit, so dass sich die mittelalterlichen Bildkünstler befliessigten, hochgeistige Figuren der Geschichte mit Brille abzubilden. So sind in der Kunst einige Anachronismen entstanden; z.B. der bebrillte Apostel Paulus oder den Kirchenlehrer Sofronius Eusebius Hieronymus (340-420 n. Chr.), der auf unzähligen Abbildungen mit Brille zu sehen ist und daher seit alters her als Schutzpatron der Brillenmacher gilt.
 
 
Ein Anachronismus auf der Altarstaffel der St. Jakobskirche in Rothenburg. Das Bild zeigt den Apostel Petrus mit einer Nietbrille. Diese waren aber erst ab ca. 1300 im Gebrauch, ganz gewiss nicht zur Zeit des Evangelisten.
Bild: Stiftung Hallauer, Bern

 
 

Leseschwierigkeiten in der Antike 

Da sich der berühmte Redner, Politiker und Cäsar-Gegenspieler Cicero in einem Brief beklagte, dass das Sehvermögen im Alter nachlasse, so dass man sich von Sklaven müsse vorlesen lassen, wissen wir, dass es im letzten Jahrhundert vor Christus noch keine Sehhilfen gab. Hätte es sowas wie Brillen gegeben, hätte dieser Mann sicher davon gehört.

Vom Kaiser Nero wird berichtet, er habe Gladiatorenkämpfe durch einen Smaragd betrachtet. Plinius der Ältere (23-79 n. Chr.) schrieb in seiner Historia Naturalis: "Es gibt für das Auge keine angenehmere Farbe als die des Smaragds. Die Steinschneider, welche die sehr feinen Gemmen fertigen, haben kein anderes Mittel, um ihren ermüdeten Augen Erholung zu verschaffen. Die angenehme Farbe des Smaragds stärkt ihre Sehkraft." Der Smaragd ist der edelste Vertreter aus der Familie der Berylle (durchscheinende Halbedelsteine), zu denen u.a. auch der Aquamarin gehört. Aus Beryllen wurden die ersten "Lesesteine" gefertigt, so dass sie wohl den Wortstamm zur heutigen Brille lieferten.
 
 

Erste Gesetzmässigkeiten der Optik 

Der griechische Philosoph Ptolemäus formulierte schon ca. 150 n. Chr. grundlegende optische Gesetzmässigkeiten der Lichtbrechung und um das Jahr 1000 herum entwickelte der arabische Mathematiker und Astronom Alhazen die ersten Gesetze der Refraktion.

Auf der Basis dieser Schriften entwickelten Mönche im Mittelalter den sog. Lesestein, meistens aus Bergkristall oder Beryll, als eine halbkugelig geschliffene Linse, welche die Schrift vergrösserte. 1267 erbrachte der Oxforder Franzsikanermönch Roger Bacon den wissenschaftlichen Nachweis, dass sich mit besonders geschliffenen Gläsern kleine Buchstaben vergrössern lassen.
 
 

Erste Brillengläser aus Murano 

Weisses Glas herzustellen war zur damaligen Zeit eine Exklusivität der Glasbläser von Venedig. Die berühmten Glashütten von Murano dürfen als Geburtsort der Brille bezeichnet werden: Aus venezianischen Werkstätten kamen auch die ersten geschliffenen Augengläser. Im Jahre 1300 wurde die Herstellung von Augengläsern per Ratserlass reglementiert und erste Qualitäts-Vorschriften und –Bedingungen definiert. Die Bril genannten Lesehilfen waren ein konvex geschliffenes Glas, umgeben von einem dicken Ring aus Eisen, Horn oder Holz und ausgerüstet mit einem Stil als Halterung. Indem man zwei Gläser zusammen nietete, entstand die erste Brillenform, die Nietbrille. Diese musste zwar mühsam von Hand auf der Nase festgehalten werden, erlaubte jedoch das Lesen und Schreiben bis ins hohe Alter.
 
 

Entwicklung der Brillentechnik und der Optik 

Erst gegen Ende des 15ten Jahrhunderts wurde die Nietbrille von der Bügel- oder Bogenbrille abgelöst, deren Fassung aus einem einzigen Stück bestand. Als Materialien kamen Eisen, Silber, Bronze oder Leder zum Einsatz. Um den Halt auf dem Nasenrücken zu verbessern, wurde ein elastischer Ledersteg mit einem Schlitz verwendet, der Klemmwirkung auf die Nase ausübte. Diese Schlitzbügelbrillen wurden bis ins 18. Jahrhundert angeboten.

Weiterentwicklungen fanden im 16ten und 17ten Jahrhundert in Spanien statt. Dort war das Brilletragen ein Zeichen von Reichtum und gesellschaftlichem Rang: Je grösser die Gläser, desto teurer die Brille und edler der Träger. In Spanien wurde die Fadenbrille entwickelt, bei welcher zwei Fadenschlingen um die Ohren für sicheren Halt sorgten.
 
 

Bonjour lunettes, adieu fillettes

Ausserhalb Spaniens tat sich die gute Gesellschaft hingegen schwer mit der Brille. Sie galt nicht nur als Zeichen der Gelehrsamkeit sondern auch als Indiz fürs zunehmende Alter. "Bonjour lunettes, adieu fillettes", ging ein Bonmot in Frankreich die Runde ("Guten Tag Brillchen, lebewohl Mädchen"). Zahlreiche Leute, auch berühmte Persönlichkeiten, weigerten sich zumindest in der Öffentlichkeit, eine Brille zu tragen. So z.B. der kurzsichtige Napoleon oder Dichterfürst Goethe, der sie gar rundweg ablehnte: "So oft ich durch eine Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir nicht."

 
Dandies tragen Monokel: Früher galt das Tragen einer Sehhilfe als Zeichen von Gelehrsamkeit oder gutem gesellschaftlichen Stand (englische Karrikatur von 1824). Bild: Stiftung Hallauer, Bern

Das Hauptproblem der Brillenmacher war nach wie vor die gute Fixierung der Brille im Gesicht der Träger. Im 17ten und 18ten Jahrhundert experimentierten sie mit federnden, metallischen Bügeln. Die Nürnberger Drahtbrille – auch als "Nasenquetscher" bekannt – wurde ein Riesenerfolg, der sich in ganz Europa durchsetzte.

Daneben existierten verschiedenste Techniken, so z.B. die Band- oder Bindbrille, bei welcher man sich die Brillenfassung mit einem Lederband um den Kopf schnallte, die Mützenbrille, bei welcher die Gläser am Schirm einer Mütze befestigt wurden oder die Stirnreifenbrille, die an einem den Kopf umfassenden Stahlreif hing.

Gegen Ende des 18ten Jahrhunderts kam das Monokel auf, ein Einglas mit runder Fassung, das von den Schliessmuskel der Augenlider festgehalten wurde und vor allem in England und Deutschland Verbreitung fand. Aus Frankreich stammte die sog. Scherenbrille, die nicht auf der Nase getragen, sondern nur vor den Augen gehalten wurde. Diese Sehhilfe, die sich bei Bedarf schnell wegstecken liess, fand auch bei den genannten "Brillenfeinden" Napoleon und Goethe Anklang. Die Lorgnette, eine Vorhaltebrille mit seitlichem Haltestil wurde vom Londoner Optiker George Adams eingeführt.
 
 

Von der Schläfenbrille zur anatomisch richtigen Brillenfassung 

Gut 450 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Brille kam man erstmals auf die Idee, eine Brille mittels Bügeln seitlich an den Schläfen oder über den Ohren zu fixieren. Der Pariser Optiker Thomin fertigte 1746 ein Brillengestell mit zwei seitlichen angebrachten Bügeln. Diese Schläfenbrille nannte man in Frankreich "lunettes à temps, permettant de respirer à l’aise" (= bequemes Atmen erlaubende Schläfenbrille) – wegen des damals stark verbreiteten "Nasenquetschers". Der Druck auf die Schläfen führte auf Dauer jedoch zu Kopfschmerzen.

Ein paar Jahre später(1752) hatte wieder ein Londoner Optiker einen Erfolg zu melden: Er hatte die Seitenbügel verlängert und mit einem Gelenk versehen. Die angesetzten Stücke umfassten den Hinterkopf über den Ohren und verbesserten so den Halt. Diese Art von Brillen wurden Ohrenbrillen genannt. Knapp hundert Jahre später kam wieder eine Brille ohne Bügel auf den Markt. Eine verbesserte, leichtere Version der Klemmbrille. Und als der Pariser Optiker Poulot schliesslich 1857 den Nasenhalter erfand, war das Brillenglück schon fast perfekt.

Ihr gegenwärtiges Aussehen und ihr anatomisch perfektes Design bekamen die Brillen in den 20er Jahren des 20 Jahrhunderts. Heute sind der Vielfalt an Formen und Materialien kaum mehr Grenzen gesetzt.
 
 

Augenoptiker im Dienste des guten Sehens

Die ersten Brillen waren ausschliesslich Lesebrillen für Weitsichtige gewesen, mit vergrössernden konvexen Linsen. Nachdem der niederländische Naturforscher Snellius zwischen 1600 und 1620 die Brechungsgesetze des Lichts formulierte, begann sich die Optik als eigener Zweig zu entwickeln. Die ersten Optiker waren Wissenschaftler, Techniker und Unternehmer in einem. Zum ihrem Aufgabenbereich gehörte nicht nur die Herstellung von Sehhilfen, sondern auch von optischen und physikalischen Instrumenten wie Fernrohre, Thermometer und Barometer. Noch heute verlangt der Augenoptikerberuf ein breites Wissen in Mathematik, Geometrie und Physik sowie handwerkliche und kaufmännische Fähigkeiten.