Auge, Sehen und Fehlsichtigkeiten

Gerade in unserer stark visuell orientierten Welt müssen wir unser Sehvermögen hüten wie unseren Augapfel. Über die Hälfte der Bevölkerung trägt heute eine Brille oder Kontaktlinsen. Dies ist nicht Ausdruck einer degenerativen Erscheinung, sondern zeugt vielmehr davon, wie wichtig gutes Sehen für Lernen, Arbeit und Alltag ist. Der grösste Teil der Fehlsichtigkeiten ist angeboren oder Folge des natürlichen Alterungs- Prozesses. Diese rein optometrischen, also optisch geometrisch bedingten Fehlsichtigkeiten, können in der Augenoptik durch Brillen oder Kontaktlinsen korrigiert werden.

Das Auge
Nicht von ungefähr gelten die Augen als "das Tor zur Welt". Das Sehsystem ist unser meistgebrauchtes Sinnesorgan. (Und das einzige notabene, das wir ohne Fremdhilfe willentlich abschalten können: Ohren und Nase etwa müssen wir uns extra zuhalten, die Augen können wir einfach schliessen.) Das einzelne Auge wiegt bloss ein 10'000stel unseres Körpergewichts, verfügt aber über 120 Millionen Sehzellen. Von Natur aus gut geschützt, liegt es in einer Knochenhöhle des Schädels, umgeben von Muskeln, Fett- und Bindegewebe. Gegen störende Ausseneinflüsse helfen Lider, Tränen, Wimpernhaare und Augenbrauen.

Der rundliche Augapfel besteht aus dem Glaskörper, einer transparenten, gallertartigen Masse. Dieser wird von der Lederhaut umschlossen, die vorne in die uhrglasförmige, lichtdurchlässige Hornhaut (Cornea) übergeht. Unter der Lederhaut liegt die gefässreiche Aderhaut, welche das Auge mit Nährstoffen versorgt. Vorne geht die Aderhaut in die Regenbogenhaut (Iris) über, in deren Mitte das "Guckloch", die Pupille liegt. Hinter der Iris sitzt die Linse, welche das durch die Pupille einfallende Licht durch den Glaskörper auf die dahinterliegende Netzhaut (Retina) abbildet, welche die Sehzellen (Stäbchen für Helligkeits- und Zäpfchen für Farbwahrnehmung) enthält. Dort, wo der Sehnerv in die Netzhaut übergeht, verfügt diese über keine Sehzellen und ist daher lichtunempfindlich ("Blinder Fleck"). Die Stelle auf der Netzhaut, welche der Pupille direkt gegenüberliegt, ist die empfindlichste - auch gelber Fleck oder Makula genannt. Bewegt wird das Auge durch die Augenmuskeln, die Linse wird vom Akkommodationsmuskel gesteuert.

Das Sehen
Beim normalsichtigen Auge werden die Lichtstrahlen über die Linse gebündelt und auf die Netzhaut projiziert. Dort wird das (wie beim Fotoapparat) seitenverkehrt und auf dem Kopf abgelichtete Bild von den Sehzellen in Nervenimpulse umgewandelt und über den Sehnerv ins Hirn geleitet. Dieses verarbeitet die Bildinformation beider Augen und produziert den einheitlichen Seheindruck. Erst im Hirn, genauer in der Sehrinde des Kleinhirns, entsteht das Bild, das wir bewusst sehen. Die Signale aus den Augen sind zudem noch mit weiteren Teilen unseres Wahrnehmungsapparates wie z.B. dem Gleichgewichtssinn verknüpft. 

Um in die Ferne wie in die Nähe scharf sehen zu können, muss sich die Linse der jeweiligen Sehanforderung anpassen. Diese Akkommodation genannte Fähigkeit ist mit der Brennweitenregelung eines Foto-Objektivs vergleichbar. Je nach Muskelzug wird die Linse in ihrer Lage und Krümmung leicht verändert und damit auf Nah- oder Fernsicht eingestellt. Die Akkommodation erfolgt automatisch: Ist das Hirn mit einem unscharfen Bild nicht zufrieden, löst es den Scharfeinstellungs-Prozess aus. Dies geschieht in der Geschwindigkeit, welche die Informationsübertragung in den Nervenzellen zulässt - zu schnell also, um bewusst wahrgenommen werden zu können.

Auch wenn das Auge nicht in der Lage ist, gut zu sehen (z.B. wegen Kurzsichtigkeit), versucht unser Hirn, das empfangene Bild "scharf" zu stellen. Durch Akkommodation, Ausrichtung der Augenachsen auf das Objekt und Verengung der Pupillen zur Erhöhung der Tiefenschärfe. Wer schlecht sieht und dies nicht mit einer Brille oder Kontaktlinsen korrigiert, strengt daher Hirn- und Wahrnehmungssystem dauernd mit fruchtlosen Korrektionsversuchen an. Unser Gesichtsfeld ist wesentlich grösser als das eines Kamera-Weitwinkelobjektivs. Optimal scharf und fokussiert sehen wir jedoch nur in einem zentralen, kleinen Punkt - die Sehschärfe nimmt zum Bildrand hin kontinuierlich ab. Trotzdem ist auch das periphere Sehen an der Rändern unseres Gesichtsfeldes für unsere Wahrnehmung und Umweltorientierung sehr wichtig. 

Augenoptische Fehlsichtigkeit
Fehlsichtigkeiten wie Kurz- oder Weitsichtigkeit, Hornhautverkrümmung oder Alterssichtigkeit sind weit verbreitet und weitgehend natürlich bedingt, d.h. vererbt oder Folge des normalen Alterungsprozesses. Diese Fehlsichtigkeiten gelten nicht als Krankheit und können mit optometrischen Mitteln (Brillen oder Kontaktlinsen) in den meisten Fällen korrigiert werden.

Alterssichtigkeit (Presbyopie)
Die Anpassungsfähigkeit (Akkommodation) der Linse lässt mit zunehmendem Alter nach; das Auge verliert durch natürliche, entwicklungsbedingte Prozesse die Fähigkeit, sich auf nahe gelegene Gegenstände einzustellen. Von dieser altersbedingten Weitsichtig-keit sind alle Menschen ab dem 40. Altersjahr in unterschiedlichem Mass betroffen.

Kurzsichtigkeit (Myopie)
Bei rund jedem zweiten Menschen sind die Augen nicht ideal rund, sondern etwas zu kurz oder zu lang gebaut. Die Ursache ist in den allermeisten Fällen genetisch bedingt und wie die Körpergrösse von äusseren Umständen kaum beeinflussbar. Der Zusammenhang zwischen ausgeprägter Bildschirmarbeit und der Zunahme der Myopie im Erwachsenenalter wird öfters aufgestellt, bis anhin jedoch noch nicht bewiesen.

Ist der Augapfel zu lang, vereinigen sich die Lichtstrahlen schon vor der Netzhaut. Da das Bild die Netzhaut nicht erreicht, wird ein mehr oder weniger verschwommenes Bild wahrgenommen. Mit einer konkaven, zerstreuenden Linse (als Brillenglas oder Kontaktlinse) kann der Brennpunkt des Bildes wieder auf die Netzhaut verschoben werden.

Weitsichtigkeit (Hyperopie, Hypermetropie)
Ist das Auge zu kurz gebaut, würden sich die Lichtstrahlen erst hinter der Netzhaut vereinigen, auch hier bleibt das Bild verschwommen. Bis zum spürbaren Eintreten der Presbyopie (Alterssichtigkeit) kann die Linse dies in vielen Fällen durch Anpassung (Akkommodation) korrigieren. Mit einer konvexen, sammelnden Linse (als Brillenglas oder Kontaktlinse) lässt sich die Hyperopie problemlos korrigieren.

Hornhautverkrümmung (Astigmatismus, Stabsichtigkeit)
Bei der Hornhautverkrümmung oder Stabsichtigkeit ist die Wölbung der Hornhaut in verschiedenen Meridianen unterschiedlich. Der daraus entstehende Brechungsfehler bewirkt, dass das Bild gleichzeitig vor und hinter der Netzhaut entsteht. Ein Punkt wird darauf nicht als Punkt, sondern als Stab abgebildet; das Bild ist nicht nur uscharf/ver-schwommen, sondern wird je nach Richtung der Stabsichtigkeit auch verzerrt, d.h. in der Höhe oder Breite auseinandergezogen. Eine Hornhautverkrümmung ist meist mit einem anderen Sehfehler (Kurz-/Weitsichtigkeit) verbunden und kann mit torischen bzw. zylindrischen Gläsern oder Kontaktlinsen korrigiert werden.